Blog #01: Der erste 100-Kilometerlauf
Wir schreiben das Jahr 2021, Hochphase "Corona": Ich liege auf dem Sofa und überlege, was ich sportlich erreichen will. Lust auf „Tough Mudder“ habe ich nicht, aber ich will mich herausfordern. Plötzlich denke ich an die Worte meines Boxkollegen Oli – ein echter Brecher –, der Jahre zuvor den legendären 100-Kilometerlauf in Biel geschafft hatte. „Wie soll ein Mensch so etwas schaffen?“ dachte ich damals – und jetzt wollte ich es selbst ausprobieren.
Ich lese Bücher, schaue Videos und bereite mich mental vor. Nach der Anmeldung war klar: Jetzt gibt es kein Zurück mehr – schließlich musste ich dafür zahlen 😄.
Mein Schwiegervater meinte damals noch: „Das ist zu schwer, lauf lieber erst einen Marathon.“ Genau diese Worte haben mich motiviert: Ich wollte beweisen, dass man alles schaffen kann – wenn man die richtige Einstellung hat.
Liest man sich etliche Foreneinträge zum Thema "Ultra-Marathon" durch, stößt man auf unzählige Trainingspläne. Alle vermitteln aber am Ende die gleiche Botschaft: "Steigere jede Woche das Laufpensum, damit du irgendwann einmal 100 Kilometer oder mehr pro Woche laufen kannst". Der Grund: die Muskulatur soll sich an die extreme Belastung gewöhnen und dich während dem eigentlichen Lauf nicht im Stich lassen. Und so habe ich mich von anfänglich 15 Kilometern auf 50 und letzten Endes auf 80 Kilometer pro Woche gesteigert. Warum 80? Nun ja, ich befolgte die 80/20-Regel. Ich dachte mir "Wenn ich 80 Kilometer beim eigentlichen Lauf in Biel hinbekomme, werde ich auch die letzten 20 schaffen - selbst wenn ich sie spazieren muss".
Corona-bedingt fand der 100-Kilometerlauf bei den "Bieler Lauftagen" auf einer 20-Kilometer-Runde statt, die man 5 Mal laufen musste. Zwischendurch wollte ich mehrmals aufgeben. Mental teilte ich die Strecke in 5-Kilometer-Abschnitte und hangelte mich von Verpflegungsstation zu Verpflegungsstation. Nach etwas mehr als 14 Stunden kam ich ins Ziel – meine Frau nahm mich in Empfang und ich war überglücklich. Ich war weder schnell noch der beste Läufer, aber ich hatte alles gegeben und am Ende mein Wort gehalten: "Ich schaffe die 100!".
Was konnte ich aus dem Lauf für mich mitnehmen?
1. Ein großes Ziel sollte immer in mehrere kleine Zwischenziele unterteilt werden. 100 Kilometer hören sich erst einmal "krank" und unerreichbar an. Aber wenn man sich selber nur auf die nächsten "5 Kilometer" konzentriert, erleichtert es einem das Vorankommen.
2. Mentale Stärke schlägt körperliche Stärke. Körperlich hätte ich wahrscheinlich schon nach Kilometer 30 aufgegeben. Aber im Kopf habe ich immer wieder abgerufen, dass ich dafür hart trainiert habe und nicht umsonst an den Start gegangen bin. Komischerweise konnte ich ab Kilometer 95 nochmal Power aus meinem Körper raus holen und sogar zum "Endspurt" ansetzen.
3. Der Treibstoff für solche sportlichen Herausforderungen sind Salz, Zucker und Kohlenhydrate. Also habe ich während dem Lauf immer wieder zu Salzstangen, Suppe, Cola, Linser Schnitten, Orangen und Bananen gegriffen. Nach dem Lauf wollte ich für viele Monate keine Cola und keine Bananen mehr sehen 😄.
Man könnte jetzt meinen, dass es bei diesem einen Lauf in Biel geblieben ist? Leider nein. Das hat sich quasi zu einer Art Sucht entwickelt. Nach 2021 folgten in den Jahren 2023 (zusammen mit meinem Schwiegervater als Rad-Begleitung), 2024 und 2025 (mit meinen 2 besten Freunden) weitere Teilnahmen. Und ich sag's mal so... "I'll be back"...
Alija